Friedensfest Stadt Augsburg

Podiumsdiskussion 

Faces of Moms* und die Frage nach der Zukunft der Care-Arbeit
Freitag, 06.08.21 (19:00 Uhr)
Moritzsaal, Moritzplatz 5, 86150 Augsburg
u.a. mit Journalistin und Bestseller -Autorin Mareice Kaiser



Auf dem Podium: Echte, klare und visionäre Mütter

Ideen für eine gerechtere Gesellschaft und die Zukunft der Care-Arbeit 

Text: Eva Hampl
Bilder: The Seidels

Visionär ging es bei der Podiums-Diskussion zur Care-Arbeit der Zukunft und strukturellen Ungleichheit mit 7 Protagonistinnen in die Tiefe. Initiiert von den „Faces of Moms“ Gründerinnen, Soziologin und Fotografin Natalie Stanczak und Eventmanagerin Nicole Noller, blickten die Frauen ungefiltert auf ihre Mutterschaft und entwickelten konkrete Szenarien für eine verbesserte gesellschaftliche und politische Ausgangssituation – unter dem „Fürsorge“-Schirm des Augsburger Friedensfestes.

„Nicht Unterschiede lähmen uns, sondern Schweigen (Audre Lorde) …“

 

Die feministische Dichterin und Autorin Audre Lorde gab mit ihrem Zitat den aktiven Austausch für Bühne und Publikum frei. Philosophin und Moderatorin Melinka Karrer forderte Andrea Pfundmeier, Unternehmerin Boxscryptor und Mutter, Mareice Kaiser, Autorin, Journalistin und Mutter, Tamika Terry, Aktivistin und Mutter, Yassamin Sophia Boussaoud, Philosophin, Poetin und Mutter sowie die Veranstalterinnen Natalie Stanczak und Nicole Noller heraus. 

Die Mutterschaft und folgende Aspekte standen 
im Raum: 

 

Was ist Care Arbeit, was inkludiert sie und wer leistet Sie?

Wie definiert sich strukturelle Ungleichheit und was hat sie mit Mutterschaft zu tun?

Wie kann die Care Arbeit der Zukunft aussehen? 

Das Thema saß auf der Metaebene: nicht nur feministisch, sondern psychologisch, gesellschaftspolitisch und arbeitsmarktpolitisch verwurzelt. 

Es ging um das analysierende Hinterfragen, um Definitionen von Begriffen, um gesellschaftliche Ideale und Rollenbilder, um visionäre Ideen und eine aktive Handlungsableitung – in Verbindung mit mütterlichen Persönlichkeitserfahrungen und Erlebniserzählungen.

Raum bieten, sensibilisieren und strukturelle Ungleichheit sichtbar machen

 

„Ich definiere strukturelle Ungleichheit im Sinne der Intersektionalität, dass sich die Lebenssituationen von Müttern auf vielen verschiedenen Ungleichheitsebenen stark unterscheiden, auf ökonomischer, kultureller Ebene aber auch hinsichtlich der sozialen Anerkennung und Chancen“, so leitete die Soziologin ein. „Jede Stimme ist es wert gehört zu werden, diesen Raum bieten wir Müttern auf unserer Plattform, in unserem Buch und in unserer aktuellen Ausstellung. Wir möchten auf strukturelle Ungleichheit gegenüber Müttern aufmerksam machen und für den Wert von Gleichberechtigung und Care Arbeit sensibilisieren. Das ist wertschöpfende Arbeit.“

 

Ein Fragerundenkorsett zu prägenden Aspekten der eigenen Kindheit, Wunschvorstellungen aus der Kindheit und Utopien bzw. Visionen verband die Einzelerlebnisse der Frauen mit dem Hintergrund der aktuellen politischen, gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen. 

Aktivistin Yassamin Sophia Boussaoud, Tochter eines Afrotunesiers und einer deutschen Mutter, hat an ihre Kindheit in Bayern überwiegend schmerzliche oder gar traumatische Erinnerungen.  „Ich war das einzige nicht-weiße Kind in der Schule. Es gab keinen Platz für mich.“ Nach dem jahrelangen Versuch dazuzugehören, übt sie sich nach einem Zusammenbruch mit Mitte 20 nun darin, sich nicht anzupassen. 

 

„Ich bin eigentlich nur hierher, in diese Stadt gekommen, um Heilung zu finden. Mit kaum Gepäck. Ein paar Kisten Bücher, ein bisschen Kunst und einige Säcke voll Kleidung.
Mit diesem ziemlich gebrochenen Herzen und diesem Kopf, in dem es dieses Haus gibt, mit Ratten auf dem Dachboden und Skorpionen auf den Fenstersimsen. @minaandherchaos

Die Poetin stellt die These auf: „Das Verständnis von Familie hängt am Kapitalismus und ist nationalsozialistisch geprägt. Wir benötigen ein antikapitalistisches Bild von Familie. Das Aufbrechen dieser Mutterrolle ist schwer, da es gegen soziale Normen und Vorstellungen geht.“

„„Care-Politik ist Zeitpolitik“ (Zitat Tessa Bücker) und diese Zeit sollte in politische Rahmenbedingungen eingebettet sein.“ so Natalie Stanczak Mutterschaft als politische Kategorie, also?

 

Yassamina, kurz Mina, merkte an: „Warum müssen marginalisierte Eltern den Mund aufmachen? Es ist wichtig anzuerkennen, dass es ein neues Verständnis des Anstands geben muss“. Solidarität wurde in diesem Zusammenhang laut. Kaiser forderte im Anschluss ein Aufstehen der weißen, privilegierten, heterosexuellen Männer, um eine Veränderung von der Wurzel (radix) her, also radikal anzustoßen. 

 

Eine bequeme Ausgangsposition wird ungern ohne persönlichen Leidensdruck und starken Gegenwind aufgegeben, hat eine Psychoanalytikerin einmal zitiert. Vor diesem Hintergrund frage ich mich persönlich, inwieweit (insbesondere kinderlose) Menschen, die sowohl gesellschaftlich als auch auf dem Arbeitsmarkt in der aktuellen Situation bevorteilt sind, solidarisch für Frauen und Mütter aufstehen werden? Anzustreben allemal.

Und die Zukunft – Radikale Revolution oder sensible Solidarität?

 

Die einzelnen Puzzlestücke aus persönlichen Erfahrungen, Studien und Zitaten aus dem Buch von Kaiser, zusammengetragen, ergaben gegen Ende der 2-stündigen Diskussion die ungeklärte Problematik der Zukunft: Wie kann Gleichberechtigung, Zeit und Fürsorge in Familien und in einer Gesellschaft so fair gestaltet werden, dass es allen Menschen gut geht und ein Leben mit Zeit möglich ist? 

 

Eine Vision statt Utopie

 

„es gibt einen Abschnitt in Antonia Baums Buch „Stillleben““ – warf Kaiser ein: „Ich will ein Mann sein, nicht zuständig, einfach weiterzugehen“. Als reale Option von der Podiumsdiskussion direkt mit einem augenzwinkernden Lacher vom Podium gewischt.

 

Wie die Beste aller Welten in Zukunft aussehen könnte? Die Stimmen der Podiumsgäste waren klar: Es müsse für politische Gleichstellung gekämpft werden und für die Geschichten und Lebensrealitäten der Mütter sensibilisiert werden. Strukturelle Probleme bedürfen struktureller Lösungen. Vor allem die politischen Rahmenbedingungen müssten ran, da diese aktuell immer noch ein traditionelles heteronormatives Familien- und Geschlechterbild stärken.

„Ich will sehen, niemand übersehen! Der andere stört immer! 

 

Es war ein Austausch, der mannigfaltig, breit und inspirierend war. Das spiegelten die Faces of Moms Gründerinnen Natalie und Nicole in den ersten Statements nach der Veranstaltung bereits wider. Als ZuschauerIn fühlte man sich abgeholt, involviert und mit vielen bereichernden Aspekten und Perspektiven angefüttert.

Die Verschiedenheit der Anwesenden in der persönlichen Lebensgeschichte verband in der herausfordernden Problematik der Mutterrolle.  

 

„Die Formen menschlicher Verblendung haben ein und dieselbe Wurzel: die Unfähigkeit Unterschiedlichkeit als dynamische Kraft zu erkennen, die bereichernd und nicht bedrohend ist“, Feministin Audre Lorde

 

Mareice Kaiser setzt damit den Schlusspunkt: „Freiheit“, wünscht sich Kaiser. „Ein freies, selbstbestimmtes Leben für alle, die Familie leben wollen.“ Ein Leben für Mütter und Väter aller Art soll das sein: „Ohne finanziellen Druck wegen der Erwerbsarbeit, ohne die Frage, ob eine Arbeitspause wegen eines Kindes deine Karriere gefährdet“, ohne Leistungsdruck und Konkurrenz zwischen „Müttern, zwischen Eltern, zwischen Menschen mit und ohne Kinder“.

 

Natalie und Nicole richteten in der Diskussion und richten in der Kampagne Faces of Moms, der Ausstellung im Anna Cafe und im Netz mit anderen feministischen Autorinnen, Influencerinnen und Mütterstimmen ihr Augenmerk auf ein hinkendes Thema, das in einer fairen und gleichberechtigten Gesellschaft und Politik des 21. Jahrhunderts schon lange keine Rolle mehr spielen dürfte. Aus diesem Grund. Nötig. 

 

"Wir werden nicht sofort alles ändern können aber zumindest endlich anfangen Gespräche zu führen und zur Reflexion anregen. Denn nur so können wir unseren Kindern Alternativen mit auf den Weg geben und klassische Rollen mit neuen Inhalten füllen. Das ist nicht immer eine freie Wahl. Das geht nicht bei allen. Das ist klar. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass wir hier den ersten Schritt machen, dass wir alle Mütter* stärken, ihnen Mut machen wollen und für die sprechen, die es nicht können." Zitat @facesofmoms „Bis eine* weint!“

Ausstellungseröffnung 

"Bis eine* weint!" 

mit Fotografien von Natalie Stanczak (www.sandsackfotografie.de)

Unsere Ausstellung "Bis eine* weint!" (25.7-26.9) wurde gestern eröffnet und wir möchten Allen danke sagen. Allen voran unseren allerbesten Ehemännern und Partners in Crime, ohne sie kein Raum für Kunst 🧡 Und bei den Menschen, die uns die Möglichkeit gegeben haben und von Anfang an, an diese Idee geglaubt haben. Michael vom @tischundtresen, Frau Emrich, Frau Böhmer-Lamey, Frau Lembert-Dobler von @friedensstadt_augsburg, Barbara Friedrichs, Popkulturbeauftragte .. Diese Menschen fanden @facesofmoms, unsere Idee und die Kampagne so wertvoll und unterstützenswert, dass wir das alles hier so rocken konnten. Die Ausstellung ist mit sehr viel Wut und Leidenschaft entstanden und ich hoffe, dass ihr euch die Ausstellung und unsere Kampagne anschaut. Oder auch, wenn es euch vielleicht möglich ist, @facesofmoms sogar unterstützt. Sei es mit einer kleinen Kaffeespende, mit einem Buchkauf, mit einem Interview auf unseren Instakanal, mit Werbung und einer Buchung für mich als Fotografin und vor allem auch Diskussionen am Familientisch. Denn umso mehr Menschen das Thema strukturelle Ungleichheit, die dahinterstehenden Prozesse und ismen kennen und hinterfragen und sich damit auch auseinandersetzen, desto eher können wir auch solidarisch sein. Und auf ein gutes Leben für Alle hoffen.

Bilder von The Seidels

Vergangene Termine

Bauernmarkt Dasing

Buchlesung und Podiumsdiskussion zum Thema Vereinbarkeit, Gleichberechtigung und Care-Arbeit

Freitag, 16.07.2021

Faces of Moms* – „Bis eine* weint!“ 

Buchlesung und Podiumsdiskussion zum Thema Vereinbarkeit, Gleichberechtigung und Care-Arbeit


Gäste: Thea Taş, Lena, Veronika Asam-Zigahl (Bauernmarkt Dasing), Monika Sieber (Sieber Hof), Katharina Zott (Zott Destillerie)